Mitten im Saisonendspurt hat sich beim 1.FC Köln zur Überraschung nahezu sämtlicher Beobachter der 20-jährige Lukas Klünter in die Startformation gespielt. Dabei schien für den großgewachsenen Rechtsverteidiger der Traum vom Erstligaprofi bereits beendet, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte.

Es läuft die Schlussphase der Partei des 1.FC Köln bei der TSG Hoffenheim am 28.Spieltag der vergangenen Saison. Lukas Klünter war zuvor für Simon Zoller ins Spiel gekommen, um die knappe 1-0-Führung über die Zeit zu bringen. Doch der siebenmalige U-20-Nationalspieler wirkt bei seinem Debüt für die FC-Profis fahrig, überhastet, stellenweise überfordert. Er findet in der kurzen Zeit nicht in das Spiel: ein Ball springt ihm tollpatschig gegen das Schienbein, bei einer Flanke von Leonardo Bittencourt verpasst er per Kopf die Entscheidung zum 2-0. In der Nachspielzeit treibt es Klünter nach vorne, in der gegnerischen Hälfte wird er in einen Zweikampf mit Hoffenheims Eduardo Vargas verwickelt, der keinen langen Prozess macht und den Youngster mit einer Grätsche in die Welt des Schmerzes entführt. Während Klünter verletzt am Boden liegt, spielt die TSG unbeirrt weiter, kommt nur wenige Sekunden später zum Ausgleich durch Kevin Volland – und der Traum vom Erstligadebüt entwickelt sich vorerst zum Albtraum für den damals 19-jährigen.

Die Rache Okochas

Später wird Trainer Peter Stöger seinen Debütanten in Schutz nehmen, davon sprechen, dass es ein Foulspiel gewesen sei und Klünter sich keine Gedanken machen solle. Er könne ja nichts dafür, dass der Schiedsrichter nicht pfeife. Und überhaupt: das Gegentor sei Ergebnis einer langen Fehlerkette und nicht alleine Klünters Schuld gewesen. Aber was soll er auch anderes sagen? Dass ein Verteidiger nicht dazu eingewechselt wird, in der Nachspielzeit mit seinem Gegenspieler den Jay-Jay-Okocha in der gegnerischen Hälfte zu veranstalten? Dass es schlichtweg gereicht hätte, den Ball humorlos aus der Wirsol-Arena auf den Parkplatz zu kloppen und sich dafür minutenlangen Szenenapplaus abzuholen? Klünter wird wohl selbst am Besten wissen, dass er sich in dieser Situation alles andere als clever verhalten hat. Und falls er es doch noch nicht begriffen haben sollte, dürfte die anschließende Denkpause von knapp zwölf Monaten ihm genügend Zeit gegeben haben, Nacht für Nacht sein Horrordebüt an seinem geistigen Auge vorbeiziehen zu lassen. Klünter war von nun an außen vor. Und nichts deutete in den letzten Monaten darauf hin, dass er bei seinem Herzensverein eine Zukunft über die Saison hinaus haben würde.

Taktikschulung statt Skiurlaub

Dabei erschien es schon wie ein Märchen, dass es Klünter überhaupt in den Profikader eines Bundesligisten geschafft hatte. Dieser junge Mann, der niemals in einem Nachwuchsleistungszentrum trainierte und der in der C-Jugend ein Probetraining beim FC ablehnte, weil er sich für zu schlecht hielt. Über den Umweg Bonner SC schaffte es der beim SSV Weilerswist groß gewordene Rechtsfuß schließlich doch noch, die Kölner Scouts auf sich aufmerksam zu machen – spielte sich über die Junioren des FC in die U-19-Nationalmannschaft und später zu den Senioren des 1.FC Köln. Dabei fiel schon früh seine beachtliche Zweikampfquote auf, die ihn in Verbindung mit einer guten Grundschnelligkeit und ordentlichem Tacklingverhalten auch auf hohem Niveau zu einem äußerst unangenehmen Gegenspieler machen kann. Dass er aufgrund seines Werdegangs allerdings erhebliche Defizite im taktischen Bereich und im Stellungsspiel aufweist, blieb auch den Kölner Verantwortlichen nicht verborgen. Und so stellte Co-Trainer Manfred Schmid ein umfangreiches Videomaterial zusammen, mit welchem Klünter vergangenen Winter das taktische Verhalten internationaler Topstars wie David Alaba, Dani Alves oder Daniel Carvajal studierte.

Stark gegen Frankfurt, Lehrgeld gegen Mönchengladbach

Im letzten Saisondrittel zeigte die winterliche Taktikschulung schließlich Erfolge: gegen Eintracht Frankfurt stand Klünter völlig überraschend in der Startelf, lieferte ein gutes Spiel ab und wies mit fast 80% eine überragende Zweikampfquote auf. Die Presse überschlug sich anschließend mit Lob für den Debütanten, der wie „Phönix aus der Asche“ (Express) auferstanden sei. Es folgte ein weiterer Startelf-Einsatz im Derby gegen Mönchengladbach, bei dem er – wie die gesamte Defensive der Kölner – eine unglückliche Figur machte und gegen die erfahrenen Außenbahnspieler Oscar Wendt und Thorgan Hazard ordentlich Lehrgeld zahlte. Seine Zweikampfquote war mit 56% diesmal deutlich schwächer, gerade einmal 46 Ballkontakte verdeutlichen die fehlende Bindung zum Spiel. Dennoch war nach nervösem Beginn eine deutliche Leistungssteigerung bei Klünter zu erkennen: gegen Ende konnte er durch ein gutes Stellungsspiel zumindest einige, gefährliche Aktionen der Gladbacher entschärfen und mit einer Reihe abgefangener Bälle positiv auf sich aufmerksam machen. Diese Lernfähigkeit gibt Hoffnung, dass Klünter den eingeschlagenen Weg beibehält und sich insbesondere hinsichtlich seines Passspiels noch deutlich steigert. Denn eine Passquote von bislang nicht einmal 50% kann sich ein Außenverteidiger auf diesem Niveau dauerhaft nicht leisten. Eigentlich kann sich diese Passquote überhaupt kein Außenverteidiger leisten. Nichteinmal in der Kreisliga – vorausgesetzt, dort wird mit Außenverteidigern gespielt.

Das Saisonfinale: Klünters Wochen der Wahrheit

Gelingt es ihm jedoch, seine Schwächen im Passspiel abzustellen, sowie in seinem Offensivverhalten deutlich griffiger und mutiger zu werden, stehen die Chancen nicht schlecht, dass sich Klünter dauerhaft als Option auf der rechten Außenbahn etabliert. Zumal die Position des Rechtsverteidigers beim FC durchaus als neuralgischer Punkt verstanden werden kann: wurde vergangene Saison häufig Mittelfeldspieler Marcel Risse von Stöger auf die defensive Außenbahn beordert, wechseln sich in dieser Spielzeit hauptsächlich der Däne Frederik Sörensen und der Pole Pawel Olkowski als Startelf-Kandidaten ab. Über einen längeren Zeitraum festspielen konnte sich bislang keiner von beiden. Eine Chance für den jungen Klünter, sich in den verbleibenden Spielen und Trainingswochen als Alternative anzubieten und für einen Vertrag über das Saisonende hinaus zu empfehlen. Die kommenden Spiele werden für ihn somit zu den Wochen der Wahrheit – und unserer Prognose nach wird er diese Chance nutzen. Einer Vertragsverlängerung steht dann nichts mehr im Weg. Ebenso wie einem ruhigen Schlaf in der Nacht, der nicht mehr von Eduardo Vargas abgegrätscht wird.

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